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Angehörige sind lebensnotwendig für intensivstationäre Patienten. In der Pandemie galten jedoch Besuchsverbote bzw. -einschränkungen – mit schwerwiegenden Folgen. Wie Pflegende versucht haben, die Familien zu kompensieren, hat der Verein Pflege e. V. erfragt. Virtuelle Besuche können dabei eine wichtige Verbindung sein.

Von März bis Juni 2020 komplett geschlossen – das galt auch für die Intensivstationen des Klinikums rechts der Isar in München. Marina Ufelmann, Fachgesundheits- und Krankenpflegerin für Anästhesie- und Intensivpflege, erinnert sich an dramatische Szenen aus dieser Zeit. Ein Beispiel: „Eine junge Frau hatte sich mit ihrem Mann gestritten, der kurz darauf beim Fußballtraining einen Herzinfarkt erlitt und komatös bei uns eingeliefert wurde“, erzählt sie. „Die Frau stand weinend vor mir und wollte zu ihrem Mann. Ich hätte ihr den Wunsch so gerne erfüllt, durfte es aber nicht. Das hat mir verdeutlicht, wie katastrophal diese Situation für alle Beteiligten ist.“

Die sechs Intensivstationen am Klinikum rechts der Isar gehören zu den derzeit 278 Intensivstationen in Deutschland, die das Zertifikat „Angehörigenfreundliche Intensivstation“ tragen. Das bedeutet in München: Alle Angehörigen können jederzeit zu ihren Liebsten auf die Intensivstation – ob morgens um 5 oder abends um 22 Uhr. Es gibt keine Besuchszeiten und die Einbindung der Angehörigen hat einen hohen Stellenwert. Auf den Münchner Intensivstationen gibt es z. B. eine Informationsbroschüre für Angehörige, Intensivtagebücher und ein spezielles Besuchskonzept für Kinder, auch wurde ein Angehörigencafé ins Leben gerufen. „Die Familie gehört bei uns wirklich mit zum Team“, sagt Ufelmann. Von einem auf den anderen Tag war es damit vorbei – plötzlich durfte niemand mehr hinein.

Mehr Intensivpatienten im Delir

Verschiedene Studien haben die Bedeutsamkeit von Angehörigen auf Intensivstationen untersucht und festgestellt: Angehörige sind Familie und kein Besuch! Sie sind lebensnotwendig. „Viele Patienten sagen im Nachhinein: Ohne meine Familie hätte ich das nicht geschafft“, sagt Lothar Ullrich, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Fachkrankenpflege und Funktionsdienste (DGF). „Angehörige geben dem Patienten Zuversicht und Hoffnung. Sie unterstützen ihn, sich zu erinnern, sind glaubhafte ‚Erinnerungsvertreter‘ und können die Zeit auf der Intensivstation im Nachhinein erfahrbar machen.“ Viele Intensivpatienten würden den Bezug zur Realität verlieren, Angehörige helfen, diesen Bezug wiederherzustellen. „Angehörige sind damit eine Rettungsleine zurück in die Realität.“

In der Pandemie sei deutlich geworden, wie schwierig eine Intensivbehandlung ohne die Angehörigen sei. „Intensivpflegende können die Funktion eines Angehörigen nicht übernehmen, das wäre eine Überforderung“, sagt Ullrich. Hinzu komme: „Sind die Angehörigen nicht da, fehlen den Pflegenden wichtige Informationen. Wie sollen sie etwas über einen Patienten, der nicht sprechen kann oder sich im Koma befindet, erfahren, wenn nicht von seinem unmittelbaren Umfeld?“

Diese Erfahrung hat auch Marina Ufelmann gemacht. Sie hat in der Anfangszeit der Pandemie auf der COVID-19-Station gearbeitet und kam, wie die anderen Pflegenden auch, aus den Patientenzimmern gar nicht mehr hinaus: „In der ersten Zeit hatten nur die Ärzte und der Sozialdienst Kontakt mit den Angehörigen. Wir hatten somit keine Informationen über den Patienten und konnten auch nicht mehr individuell pflegen“, sagt sie. „Sonst versuchen wir immer, möglichst viele persönliche Rituale in den Intensivalltag zu übernehmen. Das war nicht mehr möglich und auch für uns Pflegende extrem schwer.“ Die Abwesenheit der Angehörigen hatte auch schwerwiegende Folgen für die Intensivpatienten, was sich unter anderem in einer gestiegenen Delirrate zeigte. „Gefühlt war jeder Patient im Delir“, sagt Ufelmann.

Intensivstationen wieder geöffnet – mit Einschränkungen

Was es für die Teams bedeutet, wenn genau diejenigen fehlen, die für Intensivpatienten zentral sind, hat der Verein Pflege e. V. unter den angehörigenfreundlichen Intensivstationen erfragt. „Dazu haben wir alle zertifizierten Intensivstationen per E-Mail mit mehreren offenen Fragen angeschrieben, z. B. was sich seit der Pandemie geändert hat, wie sich die Situation im Laufe der Monate entwickelt hat, welche Ausnahmeregelungen gemacht wurden etc.“, berichtet Christel Bienstein, Mitglied des Pflege e. V. Etwa zehn Prozent der Intensivstationen haben geantwortet. In der Anfangszeit der Pandemie seien fast alle Intensivstationen komplett geschlossen gewesen, mit Ausnahmeregelungen z. B. bei sterbenden Patienten oder in sehr kritischen Phasen, berichtet Bienstein. Dazu hätte es mitunter auch Diskussionen in den Teams gegeben, „vor allem in der Anfangszeit, weil die Pflegenden und Ärzte Sorge hatten, sich selbst zu infizieren“. Seitdem fast alle geimpft sind, gebe es aber kaum noch Diskussionen. „Seit der zweiten Welle sind, zumindest die angehörigenfreundlichen Intensivstationen, wieder für Besucher geöffnet – wenn auch mit gewissen Einschränkungen“, sagt Bienstein. Berichtet wurde vor allem die 1:1:1-Regelung, d. h. ein Besucher für eine Stunde pro Tag.

Deutlich sei allem eins geworden: „Die Familie ist unersetzlich – sowohl für die Intensivpatienten als auch für das behandelnde Team, gerade wenn Entscheidungen anstehen“, sagt Bienstein. Durchgehend wurde von den befragten Stationen angemerkt, dass die Rolle der Angehörigen von den Pflegenden gar nicht übernommen werden könnte. „Trotzdem haben sich die Behandlungsteams in der Zeit der Besuchsverbote und -einschränkungen natürlich bemüht, die Angehörigen ein Stück weit zu kompensieren, den Kontakt zu den Familien aufrechtzuerhalten und die Angehörigen gut zu informieren“, berichtet Bienstein.

Zertifikat „Angehörigenfreundliche Intensivstation“

Das Zertifikat des Pflege e. V. gibt es seit 14 Jahren. Derzeit sind 278 Intensivstationen in insgesamt 230 Kliniken zertifiziert, darunter auch sechs Stationen in der Schweiz, Österreich und in Tschechien. Eine Zertifikatsverlängerung wird nach drei Jahren erforderlich. Hinweise zum Antragsverfahren sind unter www.stiftung-pflege.info zu finden.

Eine Schweizer Intensivstation hat z. B. rückgemeldet, dass sie die pflegerische Bezugspflege wieder konsequent eingeführt hätten, damit die Patienten möglichst immer die gleichen Pflegenden um sich hätten. Auch nannte diese Station das aktive Angehörigentelefonat – die Angehörigen wurden zweimal pro Tag zu festen Zeiten angerufen, morgens i. d. R. von den Pflegenden, nachmittags von den Ärzten. Diese zugehende Kontaktaufnahme zu den Angehörigen gaben auch andere Intensivstationen an. Weitere Maßnahmen waren das Intensivtagebuch, Videotelefonie – wenn möglich – sowie viele Informationsgespräche mit den Angehörigen, berichtet Bienstein.

Virtuelle „Besuche“ nach festem Schema

Um die Angehörigen in der Pandemie bestmöglich einzubinden, hat das Klinikum rechts der Isar in München virtuelle Besuche auf der Intensivstation eingeführt. Das Angebot richtet sich vor allem an bewusstlose oder stark sedierte Intensivpatienten sowie an Patienten, die kein eigenes Smartphone haben oder nicht selbst einen Videoanruf tätigen können. Diese virtuellen Besuche waren vor allem in der Zeit wichtig, als die Angehörigen gar nicht auf die Station durften. Aber auch jetzt werden sie noch regelmäßig eingesetzt, z. B. wenn Angehörige nicht kommen können, weil sie selbst infiziert oder in Quarantäne sind.

Marina Ufelmann begleitet das Projekt wissenschaftlich im Rahmen ihres nebenberuflichen Masterstudiums „Advanced Nursing Practice“ (APN). Sie hat gemeinsam mit ihrem Team das Konzept entwickelt und auch die Mitarbeitenden geschult, die die virtuellen Besuche begleiten. Jeder virtueller „Besuch“ läuft nach einem festen Schema ab und dauert etwa 20 Minuten: Zunächst folgt ein kleiner Videorundgang über die Station, um zu zeigen, wo der Patient sich befindet. „Viele Angehörige haben noch Bilder aus Bergamo oder New York im Blick, deshalb zeigen wir, wie die Station aussieht, das Patientenzimmer oder auch der Blick aus dem Fenster“, sagt Ufelmann. „Danach berichten wir, wie es dem Patienten geht, wie er aussieht und ob er einen Beatmungsschlauch oder ein ECMO-Gerät hat. Erst danach fragen wir: Möchten Sie Ihren Angehörigen sehen?“

Fast alle Angehörigen bejahen diese Frage, auch bei komatösen und beatmeten Patienten. Die begleitende Pflegeperson dreht das Smartphone dann so, dass sie die Reaktion des Angehörigen sehen und diesen bei Bedarf auffangen kann. „Fast alle Angehörigen beginnen zu weinen“, erzählt Ufelmann, „meist aus Erleichterung. Die meisten sagen: ‚Ich habe mir das schlimmer vorgestellt.‘ Es ist sehr berührend, diese Reaktionen mitzuerleben.“ Bei wachen Patienten werden die Angehörigen beim Erstbesuch ebenfalls begleitet und die Pflegenden sprechen mit den Angehörigen. Danach wird das Smartphone im Patientenzimmer auf ein Stativ gestellt und die Pflegende verlässt den Raum, damit Patient und Angehörige ungestört miteinander reden können. Für die virtuellen Besuche wurde die App „Teamviewer Meeting“ ausgewählt, die den Datenschutzbestimmungen des Klinikums entspricht.

Marina Ufelmann hofft, dass bald wieder Normalität auf den Intensivstationen einkehrt. „Einige Mitarbeitende sagen zwar ‚es ist ruhiger ohne Angehörige‘, andererseits wird die Wichtigkeit der Familie noch stärker gesehen als vor der Pandemie“, sagt Ufelmann. „Sobald es bei uns im Klinikum erlaubt ist, werden wir uns deshalb wieder ohne Zeiteinschränkung für die Angehörigen öffnen.“

Das empfiehlt auch die Pflegewissenschaftlerin Christel Bienstein: „Wer geimpft, genesen oder getestet ist, sollte – mit entsprechendem Nachweis – wieder uneingeschränkt zu seinem kranken Familienmitglied dürfen. Natürlich müssen die Hygieneregeln eingehalten werden und diese werden auch weiter deutlich strenger sein als vor der Pandemie. Trotzdem ist die Anwesenheit von Angehörigen unersetzlich, und wir müssen alles tun, diese wieder zu ermöglichen.“

Quelle: https://www.bibliomed-pflege.de/sp/artikel/44418-die-familie-ist-unersetzlich
Foto: Marina Ufelmann hilft einer Intensivpatientin bei dem Videoanruf ihrer Angehörigen.
© Klinikum rechts der Isar/Markus Hautmann